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Gnade der Zweisamkeit

Busendorf, den 21.04.2016

Waltraud und Gerhard Kuckuk aus Busendorf haben ihren 70. Hochzeitstag gefeiert – die „Gnadenhochzeit“. Beide sind nach wie vor glücklich miteinander, für sie ging er sogar ins Gefängnis

 

Waltraud Kuckuk hatte ihren Gerhard ein wenig schmoren lassen. „Wir waren im Wald spazieren, da wollte er schon einen Kuss haben“, gibt sich die heute 88-Jährige gespielt empört und schmunzelt. Denn gefallen hatte er ihr schon – aber wäre er bei ihr geblieben, wenn er es so leicht gehabt hätte? Immerhin: das Warten hat sich gelohnt, denn den Kuss kann er nun jeden Tag haben – und das schon ein Lebensalter lang. Seit 70 Jahren sind die beiden Busendorfer miteinander verheiratet.

 

Waltraud und Gerhard Kuckuk feierten Mitte April ihre „Gnadenhochzeit“ – ein Ehejubiläum, das nur die wenigsten schaffen. Zu den Gratulanten gehörten die Kinder der Kita „Kaniner Zwerge“, die den Kuckuks passenderweise die „Vogelhochzeit“ als Ständchen brachten. Auch Bürgermeister Bernhard Knuth und Ortsvorsteher Matthias Gedicke schauten vorbei und gratulierten besonders herzlich: „Es gibt Menschen, die spielen jede Woche Lotto. Sie beide haben auf anderem Wege das große Los gezogen“, so der Beelitzer Bürgermeister.

 

Wenn man die beiden Kuckuks zusammen erlebt, erfährt man ihr Geheimrezept für eine glückliche Ehe: Sie gehen absolut liebevoll miteinander um, würzen den Alltag aber mit kleinen Frotzeleien. Es sei immer Stimmung im Haus, erzählen die beiden. „Sie ist mit einem Dackel zu vergleichen“, erklärt er in Anspielung auf den verwehrten Kuss vor so langer Zeit: „Wenn sie nicht will, dann will sie nicht.“ Sie entgegnet: „Wenn ich wirklich stur wäre, könntest Du doch gar nichts mit mir anfangen.“

 

Waltraud Kuckuk nennt ihren Mann „mein Männeken“, stolz und augenzwinkernd. Aus Liebe ist die in Herne in Nordrhein-Westfalen geborene und aufgewachsene Frau damals mit ihm gegangen - nach Busendorf, in die sowjetisch besetzte Zone. Leicht hatte sie es nicht gehabt als Zugezogene, „aber ich habe den Busendorfern gezeigt, dass ich was kann“, sagt sie stolz. Ob beim Spargelstechen, Holzmachen oder im Haushalt: Waltraut Kuckuk machte bei allem eine gute Figur. Und der Name ihres neuen Heimatortes habe immer für Lacher gesorgt – für sie als rheinische Frohnatur ein nicht zu unterschätzender Vorzug. „Ich heiße Waltraud Kuckuck und komme aus Busendorf, das könn‘ se mir ruhig glauben“, schmunzelt sie und legt die Hand auf die Brust.

 

Kennengelernt haben sich Kuckuks 1945, kurz nach dem Krieg. Er war in Gefangenschaft geraten und durch Glück und einen kleinen Schwindel in die britisch besetzte Zone entlassen worden – er hatte wohlweislich nicht seinen wahren Heimatort Busendorf genannt. „Es gab Gerüchte, dass Gefangene in der russischen Zone ins Bergwerk mussten, während die in der britischen freikamen“, erinnert er sich. Und so verschlug es den damals erst 17-jährigen  nach Arnsberg im Sauerland. Seine spätere Frau hatte dort für die Armee Fallschirme genäht, irgendwie sind sie sich über den Weg gelaufen und es hatte gefunkt. Zu Weihnachten hatten sie sich verlobt, zunächst in einer kleinen Kammer in Herne gewohnt. Dann im Januar der Umzug nach Busendorf: mit kaum etwas in der Tasche – aber guter Hoffnung auf Nachwuchs.

 

In Busendorf heirateten sie im Alter von 18 Jahren - zunächst standesamtlich, dann nochmal in der kleinen Kaniner Kirche - und zogen in Gerhard Kuckuks Elternhaus, das sie noch heute bewohnen. Die kleinen Zimmer sprühen vor Leben und Gemütlichkeit, alles hier verbindet sich mit einer Geschichte: „Das Kaffeeservice stammt von meinen Eltern, das hatten sie mir Stück für Stück nach Spandau geschickt, wo mein Mann vor der Grenzschließung als Maurer arbeitete“, berichtet Waltraud Kuckuk. Bei Wind und Wetter sei er die Strecke mit dem Motorrad gefahren. 

 

Da fällt ihr noch eine Anekdote ein: Einmal hatte er ihr auch einen Liebesroman mitbringen wollen. „Ich lese doch abends so gern, weil meine Gedanken sonst spazieren gehen.“ Bei Michendorf hielt ihn die Polizei an, um ihn vor Glatteis zu warnen. Dann fiel dem Polizisten seine Tasche auf und er zog den Roman, der ein Bild von Zarah Leander auf dem Titel hatte, heraus, wollte ihn am Ende konfiszieren. Gerhard Kuckuk nahm ihm das Heft aus der Hand und riss es entzwei: „Wenn meine Frau es nicht lesen darf, dann Sie auch nicht.“ Als Konsequenz kam er für eine Nacht in den Gewahrsam in Potsdam. „Ziemlich eng und unbequem so eine Zelle“, wie er heute salopp bemerkt.

 

Nach der Geburt des ersten Kindes begann Waltraut Kuckuk, in der örtlichen Gaststätte zu kellnern. Ein großer Vorteil: Bei Feiern konnte sie ihrem Mann andere Bekanntschaften vom Halse halten. „Wenn Sie mit meinem Mann tanzen wollen, dann haben Sie erst einmal mich zu fragen“, habe sie dann immer gesagt. Später arbeitete sie als Krankenpflegerin in Lehnin. Auch im Ort haben sich die beiden engagiert: Waltraud Kuckuk packte bei Gemeindeterminen und in der Volkssolidarität mit an, er half überall als Handwerker aus. „Es gibt kaum ein Haus in Busendorf, in dem er nicht irgendetwas gemacht hat“, sagt sie. Auch beim Bau des Sportplatzes war er dabei – und spielte hier als aktiver Fußballer. Später kickte er auch in Brück, Lehnin und Bliesendorf. 

 

Vieles von dem, was gewesen ist, erfüllt die beiden Kuckuks mit Freude und Zufriedenheit – auch wenn die Zeiten manchmal hart waren, weil es am Geld fehlte. 70 Ehejahre sind nicht so schnell erzählt, doch die Sternstunden bleiben in lebhafter Erinnerung. Die Hochzeitsfeier damals, mit fünf Tanten und fünf Onkels sowie einer Flasche Selbstgebranntem, die Geburt der beiden Kinder, die wiederum für vier Enkel gesorgt haben - heute gibt es auch schon acht Urenkel -, der Trabbi, auf den man 15 Jahre warten musste, der Mauerfall und die Besuche bei der Familie „im Westen“. „Wir waren auch oft im Urlaub, meistens an der Ostsee“, erinnert sich Gerhard Kuckuk.

 

Urlaub, davon machen sie heute jeden Tag ein bisschen: Er serviert ihr morgens das Frühstück, abends wird gemeinsam ferngesehen. Und dazwischen gibt es so manchen verliebten Blick, es wird sich geneckt – und natürlich hin und wieder geküsst.